Waldgedichte

Romantische und besinnliche Gedichte zusammengestellt von Sabine Smolik-Pfeifer


Der Wald ist ein besonderes Wesen

Der Wald ist ein besonderes Wesen,  
von unbeschränkter Güte und Zuneigung,  
das keine Forderungen stellt  
und großzügig die Erzeugnisse  
seines Lebenswerks weitergibt;  
allen Geschöpfen bietet er Schutz  
und spendet Schatten selbst dem Holzfäller,  
der ihn zerstört. 

 

Siddhartha Gautama / Buddha (ca. 420 – 368  v. Chr.)

Über allen Gipfeln ist Ruh

Über allen Gipfeln ist Ruh,
in allen Wipfeln spürest du
kaum einen Hauch.
Die Vögelein schweigen im Walde,
warte nur, balde,
ruhest du auch.


Johann Wolfgang von Goethe (1748 – 1832)

 

Ich ging im Walde so vor mich hin

Ich ging im Walde
so vor mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
ein Blümlein stehn,
wie Sterne blinkend,
wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
gebrochen sein?

Mit allen Wurzeln
hob ich es aus,
und trugs zum Garten
am hübschen Haus.

Ich pflanzt es wieder
am kühlen Ort;
nun zweigt und blüht es
mir immer fort.


Johann Wolfgang von Goethe (1748 – 1832)

O, dass der Mensch die innere Musik der Natur verstünde

O, dass der Mensch die innere Musik der Natur verstünde
und einen Sinn für äußere Harmonie hätte.
Aber er weiß es ja kaum, dass wir zusammen gehören
und keines ohne das andere bestehen kann.


Freiherr Friedrich von Hardenberg / Novalis (1772 – 1801)

Als jüngst die Nacht

Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land
der Dämmerung leise Boten hat gesandt,
da lag ich einsam noch in Waldes Moose.
Die dunklen Zweige nickten so vertraut,
an meiner Wange flüsterte das Kraut,
unsichtbar duftete die Heiderose.

Ringsum so still, dass ich vernahm im Laub
der Raupe Nagen, und wie grüner Staub
mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen.
Ich lag und dachte, ach, so manchem nach,
ich hörte meines eignen Herzens Schlag,
fast war es mir, als sei ich schon entschlafen.


Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Der scheidende Sommer

Das gelbe Laub erzittert,
es fallen die Blätter herab;
ach alles, was hold und lieblich,
verwelkt und sinkt ins Grab.

Die Gipfel des Waldes umflimmert
ein schmerzlicher Sonnenschein;
das mögen die letzten Küsse
des scheidenden Sommers sein.

Mir ist, als müsst ich weinen,
aus tiefstem Herzensgrund;
dies Bild erinnert mich wieder
an unsre Abschiedsstund’.

Ich musste von dir scheiden,
und wusste, du stürbest bald;
ich war der scheidende Sommer,
du warst der kranke Wald.


Heinrich Heine (1797 – 1856)

Herbst

Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
die Zeit der Liebe ist verklungen,
die Vögel haben ausgesungen,
und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden.
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
ist mir, als hör ich Kunde wehen,
dass alles Sterben und Vergehen
nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.


Nikolaus Lenau (1802 – 1850)

Der Nachtwind hat in den Bäumen

Der Nachtwind hat in den Bäumen
sein Rauschen eingestellt,
die Vögel sitzen und träumen
am Aste traut gesellt.

Die ferne schmächtige Quelle,
weil alles andre ruht,
lässt hörbar nun Welle auf Welle
hinflüstern ihre Flut.

Und wenn die Nähe verklungen,
dann kommen an die Reih
die leisen Erinnerungen
und weinen fern vorbei.

Dass alles vorübersterbe,
ist alt und allbekannt;
doch diese Wehmut, die herbe,
hat niemand noch gebannt.


Nikolaus Lenau (1802 – 1850)

Nur eine Stunde im grünen Wald

Nur eine Stunde von Menschen fern,
nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
nur eine Stunde von Menschen fern!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
nur eine einzige Stunde!
Auf dem schwellenden Moos umhaucht von Düften,
gekühlt von den reinen balsamischen Lüften,
wo von Ferne leise das Echo schallt,
nur eine Stunde im grünen Wald!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blüten sich flüsternd neigen,
wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
nur eine Stunde im grünen Wald!


Auguste Kurs (1815 – 1892)

Ein grünes Blatt

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
ich nahm es so im Wandern mit,
auf dass es einst mir möge sagen,
wie laut die Nachtigall geschlagen,
wie grün der Wald, den ich durchschritt.


Theodor Storm (1817 – 1888)

Mittag

Am Waldessaume träumt die Föhre,
am Himmel weiße Wölkchen nur;
es ist so still, dass ich sie höre,
die tiefe Stille der Natur.

Rings Sonnenschein auf Wies und Wegen,
die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
und doch, es klingt, als ström ein Regen
leis tönend auf das Blätterdach.


Theodor Fontane (1819 – 1898)

Waldlied

Arm in Arm und Kron’ an Krone steht der Eichenwald verschlungen,
heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.
Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen,
und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen;
kam es her im mächt’gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen,
hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesflut gezogen.

Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften,
und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften.
Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine,
donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine!
Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen;
alles Laub war, weißlich schimmernd, nach Nordosten hin gestrichen.

Also streicht die alte Geige Pan, der Alte, laut und leise,
unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.
In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder,
in den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.
Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken,
kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.

Gottfried Keller (1819 – 1890)

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.


Richard Dehmel (1863 – 1920)

Blick ins Licht

Still von Baum zu Bäumen schaukeln
meinen Kahn die Uferwellen;
märchenblütenblau umgaukeln
meine Fahrt die Schilflibellen.
Schatten küssen den Boden der Flut.

Durch die dunkle Wölbung der Erlen
- welch ein funkelndes Verschwenden –
streut die Sonne mit goldenen Händen
silberne Perlen
in die smaragdenen Wirbel der Flut.

Durch die Flucht der Strahlen schweben
bang nach oben meine Träume,
wo die Bäume
ihre krausen Häupter heben
in des Himmels ruhige Flut.

Und ich leichtem, lichtem Kreise
weht ein Blatt zu meinen Füßen
nieder; und des Friedens leise
weiße Taube seh ich grüßen,
fernher grüßen
meiner Seele dunkle Flut.


Richard Dehmel (1863 – 1920)

Traumwald

Des Vogels Aug verschleiert sich,
er sinkt in Schlaf auf seinem Baum.
Der Wald verwandelt sich in Traum
und wird so tief und feierlich.

Der Mond, der stille, steigt empor:
Die kleine Kehle zwitschert matt.
Im ganzen Walde schwingt kein Blatt.
Fern läutet, fern, der Sterne Chor.


Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.


Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Mein Wald, mein Leben

Ich sah den Wald im Sonnenglanz,
vom Abendrot beleuchtet,
belebt von düstrer Nebel Tanz,
vom Morgentau befeuchtet;
stets blieb er ernst, stets blieb er schön,
und stets musst’ ich ihn lieben.
Die Freud’ an ihm bleibt mir besteh’n,
die andern all zerstieben.

Ich sah den Wald im Sturmgebraus,
vom Winter tief umnachtet,
die Tannen sein in wirrem Graus
vom Nord dahingeschlachtet;
und lieben musst’ ich ihn noch mehr,
ihn meiden könnt’ ich nimmer.
Schön ist er, düsterschön und hehr,
und Heimat bleibt er immer.

Ich sah mit hellen Augen ihn,
und auch mit tränenvollen;
bald hob er meinen frohen Sinn,
bald sänftigt’ er mein Grollen.
In Sommersglut, in Winterfrost, -
konnt’ er mir mehr nicht geben, -
so gab er meinem Herzen Trost;
und drum: Mein Wald, mein Leben!


Emerenz Meier (1874 – 1928)

Die Gäste der Buche

Mietegäste vier im Haus
hat die alte Buche:
Tief im Keller wohnt die Maus,
nagt am Hungertuche.

Stolz auf seinen roten Rock
und gesparten Samen,
sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.

Weiter oben hat der Specht
seine Werkstatt liegen,
hackt und hämmert kunstgerecht,
dass die Späne fliegen.

Auf dem Wipfel im Geäst
pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest,
Mieter zahlt nicht einer.


Rudolf Baumbach (1840 – 1905)

Lauschende Wolke über dem Wald

Lauschende Wolke über dem Wald.
Wie wir sie lieben lernten,
seit wir wissen wie wunderbald
sie als weckender Regen prallt
an die träumenden Ernten.


Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Stern um Stern dem Wald entsteigt

Hügel steigen, Hügel fallen,
wachsen bis ans Firmament,
das im letzten Sonnenschimmer
lodernd leuchtet, purpurn brennt.

Rote Lanzen, goldne Schiffe
glühen noch im Himmelsraum,
aber immer stärker dunkelt
schon der Wälder Wipfelsaum.

Still aus Tälern und aus Mulden
hebt der Abend sich empor,
und ganz langsam blasst der rote,
stirbt der goldne Flammenchor.

Hell, in feierlichem Bogen,
Stern um Stern dem Wald entsteigt,
und es schmiegt sich in die Hügel
rings das Land und schweigt.


Hans-Wilhelm Smolik (1906 – 1962)
Aus: Die Welt wird schöner jeden Tag

Gleichnis

Wie mit tausend feinen Wurzeln
jeder Baum zur Tiefe drängt,
wie mit süßen Lebenssäften
Mutter Erde ihn beschenkt,

wie er fest in ihr verankert,
sich dem Licht entgegen hebt,
unter Blüten, unter Früchten,
dankbar strahlt und glücklich lebt,

so gabst du mir Kraft und Blüten,
gabst mir Früchte, bist du mir
meine kleine Mutter Erde,
bin verwurzelt ich in dir!


Hans-Wilhelm Smolik (1906 – 1962)

Ein Fleckchen im Wald

Wo zwischen Ebereschen
und dichtem Haselbusch
in sein verborgnes Nestchen
der Gartenrotschwanz huscht,

wo durch die Kräuterwälder
der Käferwandrer zieht,
wo einsam, stolz und leuchtend
die rote Nelke blüht,

dort ist ein grünes Fleckchen,
ist schattig und ist licht,
hat keinen noch gesehen
als dich, als dich – und mich.

 

Hans-Wilhelm Smolik (1906 – 1962)

Käuzlein hält im Wald die Wacht

Amsel singt ihr Abendlied,
müde Biene heimwärts fliegt,
Schnecke schlüpft aus ihrem Haus,
und das Himmelslicht geht aus.

Kleine Grille einsam geigt,
Stern um Stern dem Wald entsteigt,
und der gute alte Mond
strahlend hell am Himmel thront.

Käuzlein hält im Wald die Wacht,
gibt auf alle Tiere acht.
Meine Mutter mich bewacht,
wünscht mir eine gute Nacht!


Hans-Wilhelm Smolik (1906 – 1962)

Ein verdorrter Baum

Ein schiefer, tief geneigter,
verdorrter Baum, er stand
am Waldessaum, verloren
am trocknen Straßenrand.

Er hatte lang gerungen
um Raum und Lebenslicht.
Umsonst, die Fichtenwipfel
um sich bezwang er nicht.

Schau seine stille Trauer
und spotte bitte nie,
wenn eine Sehnsuchtsseele
verzweifelnd bricht ins Knie!


Hans-Wilhelm Smolik (1906 – 1962)

Talerblanke Sonnenkringel

Über stille Fichtenwipfel
schwingt der Drossel Abenddank.
Gold gesäumt erglüht im Westen
 purpurn eine Wolkenbank.

Talerblanke Sonnenkringel
funkeln hell am Fichtenstamm.
Und des Waldes schöne Blumen
sind zu letzter Glut entflammt.

Ringsum breiten kühl und schweigend
die Bäume ihre Schatten hin.
Und ich fühle, stumm mich neigend,
dass ich tief geborgen bin.


Hans-Wilhelm Smolik (1906 – 1962)